meins oder keins

Zwei interessante Artikel gelesen, die sich beide mit der gleichen Thematik beschäftigen: Besitz.

Manchmal weiß ich nicht, ob ICH einfach an einem bestimmten Punkt im Leben angekommen bin – oder ob ich den WELLEN folge, die in der Welt, der Gesellschaft, kommen und gehen.

Als wir unsere erste Wohnung bezogen, waren wir froh, bei Ikea für kleines Geld viel schlichtes und schönes Mobiliar zu erstehen – wir konnten uns komplett einrichten, alles sah nett aus, fertig. Dann kam die Individualität. Gegenstände sammelten sich an und verliehen unserem Heim eine persönliche Note. Aus Ikea wurde meins.

Die Ansprüche stiegen mit der Zeit. Es musste nicht das Teuerste sein, aber es sollte Wert haben. Entweder Designerstück oder Qualität. Oder sonst irgendwie etwas Besonderes.

Dann schlug es irgendwann um. Als hätte man den Höhepunkt einer Welle erreicht und müsste nun erstmal wieder runterkommen. Es war alles zuviel. Es wurde aussortiert, verkauft, verschenkt, entmüllt. Damit wurde der Anspruch nicht weniger, im Gegenteil. Wenn man schon einen neuen Mülleimer kauft, dann bitte aber einen mit Qualität UND gutem Aussehen.

Diesen Trend finde ich um mich herum mehr und mehr wieder. Ich dachte, es läge einfach an mir, dass zuviel Kram inzwischen rumliegt und ich das Bedürfnis nach freiem Raum spüre. Aber es scheint doch ein Gesellschaftsphänomen zu sein. Stapelweise Bücher lehren uns, wie man ausmistet. Erklären uns, wie toll ein leerer Schreibtisch ist. Und dass man eigentlich mit hundert Dingen (Wattestäbchen inklusive!) auskommt im Dasein.

Der erste Artikel befasste sich mit diesem Ausmisten. Weniger ist mehr. Und der Meinung der Autorin, dass sie doch viel mit den einzelnen Dingen verbindet, diese sie an Ereignisse, Gefühle, Menschen erinnern wie ein Tagebuch. Zuviel, um sie wegzuschmeißen.

Beim zweiten Artikel ging es um das gleiche Thema mit etwas anderem Schwerpunkt. Ein für mich entscheidender Satz: "Eigentlich wollen wir all den Krempel ausmisten, der das Leben so unübersichtlich macht, aber dazu kaufen wir erst einmal etwas ein." Geht mir manchmal auch so. Ehrlich gesagt.

Egal, ob wir uns einrichten, unsere Freizeit gestalten, in die Ferien fahren – weniger ist hier tatsächlich mehr, nämlich mehr Vorbereitung, Gestaltung, Ausrüstung etc.

Ich sehe das auch in dieser Yogawelt. Immer neue Klamotten (sauteuer) und schönere, komfortablere oder transportablere Matten (ja, neue Farben, tolle Muster), hier noch eine Malakette, da noch eine Tasche, was man nicht alles so braucht, um zu sich zu finden. Der Weg zum Ich ist gut gepolstert :)

Aber es ist ja auch zu schön – und man will ja gut gerüstet sein und dazu noch Stil beweisen.

Und was nun? Alles weg?

Ich glaube, das wäre nicht der Weg für mich. Aber ich will auch nicht mehr, mehr, mehr. Wohlüberlegt ist vielleicht das richtige Wort. Was hat für mich Wert? Was nutze ich wirklich? Woran hängt meine Erinnerung und wieviel Raum nimmt diese im Verhältnis zum Volumen des Gegenstandes ein? :) Ein paar Fotos in einer Kiste tun wahrscheinlich keinem weh, der riesengroße Tisch von Oma, den ich eigentlich nicht will, vielleicht doch auf seine platzeinnehmende Weise ...

Ja, ich finde es befreiend, aufzuräumen und mich von einigen Dingen zu trennen. Aber genauso trägt es zu meinem Wohlfühlen bei, wenn mir zufällig ein Shirt in die Hände fällt, das eines meiner Kinder als Baby getragen hat. Oder ich die Postkarte einer Freundin in einem Buch wiederfinde. Oder ich keinen neuen Topf für die Feier mit Freunden kaufen muss, weil da einfach noch einer im Schrank steht und auf seinen alljährlichen Einsatz wartet. Ich verleih den auch, wenn jemand anderes mal Bedarf hat.

Egal, wofür ich mich entscheide – eins muss jedem klar sein: Es ist sowieso alles nur für den Moment. Tja, wir können tatsächlich nichts mitnehmen und wissen auch nicht, ob sich irgendjemand noch über unseren gesammelten Krempel freut, wenn wir mal nicht mehr sind. Wahrscheinlich eher nicht, denn es ist ja UNSER Kram. Insofern ist etwas kleiner halten zumindest schon mal eine gute Richtung ...