Was ist Demut?

Dieses Wort ist nicht sehr modern und es scheint auch per Definition nicht in unsere Zeit zu passen: Demut hat etwas mit Dienen zu tun, der Bereitschaft, etwas als gegeben hinzunehmen, ohne darüber zu klagen, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen.

Wenn ich an Demut denke, senke ich in Gedanken automatisch meinen Kopf.

Ich denke, wir alle wissen, was Demut bedeutet – doch wenn man die Übersetzung nochmal so ausgesprochen hört, dann wird vielleicht auch klar, warum Demut nicht gerade aktuell ist. Unsere Gesellschaft ist nicht demütig. Im Gegenteil, es geht darum, möglichst viel im Leben zu erreichen, alles scheint möglich, zumindest wird es uns suggeriert, und wer nicht an die Spitze kommt, ist ein Versager, hat kein wirklich lebenswertes Leben, geht unter in der Masse und das wollen wir auf keinen Fall. Wir wünschen uns Anerkennung, wir wollen gesehen werden, gelobt und geliebt, alles muss perfekt sein, unser Weg einzigartig und besonders. Mit irgendwas müssen wir uns abheben – mit unserem Job, Geld, Macht, unserem Äußeren, unserem Stil, ... und vor allem müssen wir meistens eins, Recht haben. Wir wollen, das unser Weg der richtige ist, unsere Ansichten, unsere Ziele – darüber werden Kriege geführt, im Großen wie im Kleinen.

Wie wäre die Welt, wenn wir mit mehr Demut mit dem anderen umgehen würden? Wenn wir mehr Respekt vor dem anderen hätten? Wenn wir vielleicht auch mal darauf verzichten, Recht zu haben – und stattdessen versuchen, alles unter dem Aspekt des Höheren zu betrachten? Dann werden vielleicht die Dinge kleiner und wir müssen erkennen, dass unser Weg nicht der einzige ist, unsere Ansichten von der anderen Seite betracht vielleicht ganz anders aussehen, unsere Ziele unwichtig werden. 

Was spricht dagegen? Vielleicht die Angst, klein zu sein. Die Angst, niemand zu sein. Die Angst, unterzugehen. 

Doch wenn ich erkenne, dass ich ein Tropfen im weiten Meer bin – dann bin ich zwar nur ein Tropfen, doch gleichzeitig bin ich das ganze Meer. Demut kann uns wahre Größe schenken. Sie scheint uns unterwürfig zu machen, doch am Ende macht sie uns frei. Demut kann dich zu dem Menschen machen, der du eigentlich bist, tief in deinem Innersten. Und da bist du, ist jeder von uns, wunderschön. 

   

PS Das Bild kennen vielleicht einige, es ist ein japanischer Holzschnitt mit dem Titel "Die große Welle vor Kanagawa" des Künstlers Katsushika Hokusai um 1830. Es wurde schon vielfach verwendet und hat einige Leute inspiriert, so zB Rilke und Debussy. Ich mag es einfach sehr.