Nachtrag zur Demut

Heute morgen bin ich vor dem Weckerklingeln wachgeworden. Es war dunkel und die Luft im Schlafzimmer kühl von der Nacht. Ich aber lag unter meiner dicken Winterbettdecke. Welch wunderbares Gefühl, diese nochmal bis zur Nasenspitze hochzuziehen, sich einzukuscheln und im Halbschlaf den Gedanken nachzuhängen, bis man aufstehen muss.

Dabei kam ein Bild in mir hoch, das ich gestern kurz vor dem Schlafengehen gesehen habe – ein Bild, das wir alle zur Zeit nur allzu gegenwärtig vor uns haben. Ich sah die Flüchtlinge, wie sie in Scharen an den Grenzen ausharren. Notdürftig in etwas gehüllt, als wenigen Schutz vor der eisigen Kälte. Ein Bild, das mich an das nahende Weihnachten erinnerte. Herbergssuche unserer Zeit. Die Kinder, die nicht wissen, was da eigentlich mit ihnen geschieht. Und die Erwachsenen, die es vielleicht auch nicht wissen. Und an dieses Bild schmiegte sich der Begriff der Demut. 

Für mich ist Demut ein fast fremdes Wort. Etwas, dass man manchmal mehr haben sollte. Etwas, worüber ich in den letzten Yogastunden geredet habe. Doch in diesen grauen Morgenstunden wurde mir bewusst, dass ich wahre Demut nicht kenne. Ich musste nie frierend, wartend, an einer ungewissen Grenze stehen, zur Demut gezwungen. 

Es ist nicht einfach in diesen Tagen die richtigen Gedanken zu denken und die wahren Worte zu finden. Für mich liegt das Problem häufig in einer schwarz-weiß Ansicht der Menschen. An dem einen Tag begrüßen wir die Ankommenden mit überschwänglicher Euphorie – am nächsten haben wir Angst und wollen sie alle nicht mehr sehen. Vielleicht wäre wie so oft die Mitte der richtige Weg. 

Wir stehen vor einem großen Berg – und wir werden ihn nur hinter uns lassen, wenn wir anfangen, loszuklettern. Jubelnd oder gelähmt im Tal stehen, wird uns nicht weiterbringen. Es erwartet keiner, dass wir das alles lächelnd schaffen. Aber ignorieren kann man den Berg auch nicht. 

Diese Menschen brauchen Hilfe. Sie nehmen diese ganzen Strapazen mit ihren Kindern nicht auf sich, weil es hier vielleicht ein bisschen schöner sein könnte. Sie fliehen – vor Krieg, Bomben, Hunger, Angst. Es sind Menschen. Sie sind nicht perfekt, sie können sich streiten, sie können die Geduld verlieren, sie können am Ende sein – genau wie wir alle. Aber sie brauchen unsere Hilfe. Wie diese letztendlich aussieht, diese Frage kann ich nicht beantworten. Das alles ist so komplex, dass man nur hoffen kann, das einige kluge Köpfe vernünftige Lösungen finden, die nicht in neuen Mauern und Kriegen enden. Aber wir, wir können offen bleiben, uns nicht auf rechte Seiten ziehen lassen, Mitgefühl empfinden und handeln, wenn wir gefragt sind.

Wir können uns der Demut erinnern. Morgens, wenn wir warm in unseren Betten liegen, während andere an Grenzen frieren.