Yin Yoga

Manchmal fühle ich mich erschlagen von all den Begriffen im Yoga. Jede Woche scheint ein neuer Trend aufzutauchen oder ich entdecke einen für mich neuen Yogastil. Vinyasa, Jivamukti, Hatha Yoga, Ashtanga, Power Yoga, Acro Yoga, Anusara ... kombiniert mit detox, slow, deep, inside, ayurveda, vegan, retreat, smoothie, challenge ... keine Ahnung was noch. Es gibt Momente, da würde ich mir am liebsten die Ohren zuhalten und schreien, es ist doch alles Yoga! Warum muss es immer einen neuen Namen bekommen? Das hat was von Marketing, von Konkurrenz, von Abgrenzung, von besonders-sein-wollen, von immer-was-Neues ... alles Dinge, die ich persönlich nicht mit Yoga verbinde, ja, die für mich im klaren Gegensatz dazu stehen.

Ich will nicht sagen, dass die einzelnen Bereiche nicht auch unterschiedlich sind und ihre Berechtigung haben – es ist nur der Hype darum, der mich zurückschrecken lässt. Mir fehlt manchmal das Liebe, Ruhige, Sanfte, Gelassene ... das: Hej, wir sind doch alles eins :)

Und dann noch Yin Yoga. Oder vielleicht besser: und dann doch Yin Yoga! 

Noch ein Begriff, noch eine Abgrenzung, wieder was Neues. Schaut man allerdings genauer (und das gilt eigentlich für alle Yogastile), findet man die Basis, die gar nicht so neu ist und die immer wieder auf den gleichen, ursprünglichen Philopsophien beruht. 

Yin und Yang hat wahrscheinlich jeder schon mal gehört, das schwarz-weiße Zeichen gesehen und irgendwie Richtung Asien eingeordnet. Yin und Yang stehen für das Weibliche (yin) und das Männliche (yang), die zum einen Gegensätze bilden, sicher aber zum anderen auch ergänzen, ja, im Gleichgewicht gehalten werden sollten. Vinyasa Yoga mit seinem häufig eher dynamischen, kraftvollen Elementen steht dabei auf der Yang-Seite. Die Muskeln, die dabei gefordert werden sollen, brauchen Wärme und Energie, Herausforderung und Leistung. Yin Yoga setzt dagegen auf mehr Ruhe und Passivität und geht damit an die Meridiane (Energiebahnen) und unsere Faszien (ganz kurz: das Gewebe, welches unsere Muskeln umschließt und Verbindungen im Körper schafft). 

Es gibt immer Verfechter der ein oder anderen Richtung, die nur diese als die wahre empfinden – ich finde, es gehört zum Aspekt des Gleichgewichts, beides zu verbinden. In einer Vinyasa-Stunde lassen sich auch Yin Yoga-Elemente einbauen – oder man kann unterschiedliche Schwerpunkte setzen und so beides erleben. Wichtig für die persönliche Praxis ist es letztendlich, auf den eigenen Körper und die Bedürfnisse zu hören, was ich gerade brauche – nur, um diese innere Stimme auch wahrzunehmen, ist Yin Yoga sicher ein guter Weg! 

Wir hatten während der Ausbildung das Glück, eine wundervolle Yin Yoga Stunde mit Sina Roosen zu erfahren – zu der Zeit, wo wir eine Woche im Sauerland waren und ich mich innerlich auf Hochspannung gefühlt habe in dem Spagat zwischen Familie und Yoga, Fähigkeiten und Ego, Zielen und Möglichkeiten. Es war der richtige Moment für mich, Ruhe zu finden, in mich zu gehen, loszulassen. So war es nicht verwunderlich, dass ein paar Tränen kamen – und ich war nicht die einzige. Yin Yoga geht an die Substanz, wenn du dich darauf einlässt, und entschlackt nicht nur körperlich. 

Begründet wurde der Stil von Paul Grilley, der wiederum bei Paulie Zink diese Richtung des Yoga kennenlernte. Wer mehr dazu erfahren möchte, findet zahlreiche Artikel online. Yin Yoga ist ein großes Thema :) Die Körperhaltungen unterscheiden sich erstmal wenig von den Asanas, die wir sonst praktizieren, wobei der Fokus eher auf die sitzenden und stehenden Positionen gelegt wird. Das Besondere ist, dass man einige Minuten in der jeweiligen Haltung verweilt. Dabei geht es nicht darum, sich in einem kraftvollen Armstütz auszubalancieren, sondern in oft scheinbar recht gemütlichen Varianten, gerne auch mit Kissen unterstützt, einfach zu verharren. Nach einiger Zeit entdeckt man hier aber die wahre Herausforderung des Yin Yoga ... 

Du bist mit dir und deinen Gedanken allein. 

Es ist vergleichbar mit einer kleinen Meditation oder der Vorstufe dazu. Nur du und dein Atem. Wir hatten das Thema in den letzten Wochen, diese Momente der Stille, das in sich hineinhören – eigentlich ein Weg, der genau hierhin führt, zum Yin Yoga. Diese Momente der Stille, des Haltens und Verharrens, sind wunderbar: Sie führen zu dir selbst, deiner Authentizität, geben dir Zeit, dich mit dir zu beschäftigen, die Weite in dir zu spüren und dir selbst Mitgefühl und Liebe entgegenzubringen. 

Was aber so schön klingt, kann für viele Menschen gerade in der heutigen Zeit, in der wir ständig abgelenkt werden, in Stress und Hektik leben, gar nicht so einfach sein. Schon das rein körperliche Halten der Positionen für Minuten ist eine Herausforderung. Hier kann dir dein Atem helfen, dich zu beruhigen und tiefer zu bringen. Wie auch in anderen Situationen, wenn die Gefühle in uns toben, kann ein betont ruhiger Atem und die Konzentration auf diesen auch die körperliche Ruhe fossieren und die Gedanken ordnen. Dazu kommt die Beschäftigung mit Themen, die im Alltag überlagert werden von vermeintlich Wichtigerem, die aber in uns rumoren und beachtet werden wollen. Für viele ist die Lösung Verdrängung und es geht hier auch nicht um eine psychologische Aufarbeitung, sondern vielmehr um das Bewusstwerden, dass da vielleicht etwas ist (es muss nicht so sein!) und wir das erstmal wahrnehmen, annehmen und schauen, was bei der reinen Betrachtung passiert. 

Es sind alles Aspekte, die auch im Yang Yoga, im Vinyasa oder ähnlichem, im Vordergrund stehen, auch wenn der Weg etwas anders ist. Letztendlich geht es darum, die Stille zu finden, den Geist zu beruhigen und einfach nur noch zu sein. Für mich ist Yin Yoga ein Teil meines Yoga. Ob in einer Vinyasa Sequenz, in der ich am Schluss eine Vorbeuge länger halte oder als gesamter Fokus in Abwechslung zu einer sehr dynamischen Stunde – es ist eine Bereicherung und eine Möglichkeit, mehr zu dir selbst zu finden. 

Vielleicht brauchen wir heute immer neue Namen, am Ende ist es doch – alles eins :)