Am Meer

Worauf ich mich besonders am ersten Wochenende der Ausbildung gefreut habe, war die Meditation am Morgen. Ich bin eher ein Frühaufsteher und Morgenmensch und die Vorstellung, den noch so frischen Tag mit einigen Momenten der Stille zu beginnen fand ich wunderbar. Auf der anderen Seite hatte ich Respekt vor diesem großen Thema, ja, eigentlichem Ziel des Yoga, der Meditation.

Würde ich es schaffen, überhaupt 20, 30 Minuten still zu sitzen? Ganz zu schweigen davon, meinen Geist ruhig zu halten??

Es gab keine Anleitung an diesem ersten Morgen. Ein paar Worte mit auf den Weg, der Rest war uns überlassen. Wir sollten noch einige Formen der Meditation auf unserem Weg kennenlernen, aber hier und jetzt war ich erstmal allein mit mir. Und das war gut so. Die ersten Schritte kamen von selbst und vielleicht für jeden so, wie sie sein sollten.

Ich dachte mir meinen Weg. Ich ging da los, wo ich mich als Mensch zuhause fühlte.

Zu Beginn stellte ich mir einen Birkenwald vor. Ich versuchte, meine Aufmerksamkeit auf die kleinen Details zu lenken ... ich höre ein Rauschen in den Bäumen, fühle das Moos auf dem Boden, sehe kleine rote Beeren zwischen den Blättern, fühle das warme Sonnenlicht auf meinem Gesicht ... dann lasse ich diese Sinne langsam verschwinden, in dem ich durch den Wald gehe und immer mehr in dem Weiß der Bäume versuche dahinzugleiten, bis ich schließlich an einen Punkt am Ende komme, einen glatten, runden, grauen Felsen im Meer, auf den ich mich dann setze und nur noch atme. Ein, aus. Wie heran- und zurückrollende Wellen. Ich verliere mich im Horizont, in diesem Blaugrau ... 

Als wir langsam zurückkommen sollen aus der Meditation, finde ich sie nur noch wunderbar. Mir sind zwar die Beine furchtbar eingeschlafen und die ersten Versuche zu gehen gleichen wahrscheinlich einem neugeborenen Elefanten :) Aber ich freue mich auf die nächsten Male. 

Inzwischen habe ich noch andere Wege kennen- und lieben gelernt. Ich mag die Meditation mit Worten, mit einem Mantra, mit der Malakette. Zuhause finde ich nicht immer die Zeit und Ruhe dafür. Ich weiß auch nicht, ob ich es "richtig" mache – aber ich spüre, dass ich einen Weg in mir habe, auch in lauten, wuseligen Situationen meine Ruhe zu finden, wahrlich ein Fels in der Brandung zu sein und wenn auch nur für einige Momente. Es sind immer kleine Schritte, die wir gehen – wohin, werden wir sehen.

Er liebte das Meer aus tiefen Gründen. (Der Tod in Venedig, Thomas Mann)