Vogelzwitschern

(Rückblick Mai 2013)

Der Raum ist hell, schlicht weiß, mit drei großen Fenstern, aus denen man Häuserdächer, Baumkronen und den Himmel sehen kann. Symmetrisch angeordnet liegen vielleicht 20 Matten auf dem Boden. Das gefällt mir schon mal – schlicht und symmetrisch liebe ich. Die Yogakitchen liegt im obersten Stock einer ehemaligen Schule und wird ein wenig mein zweites Zuhause werden in der nächsten Zeit. Im Moment noch schwer vorstellbar, denn ich bin zum ersten Mal hier ... 

Ich sitze auf meiner Matte im Schneidersitz und versuche, Eindrücke zu sammeln. Der pinkfarbene Plastikbuddha auf dem kleinen Tisch vorne, das weiße Bina-Harmonium, der Blick aus dem Fenster. Es wird meine erste Vinyasa-Yogastunde sein und doch habe ich mich eigentlich schon vorher entschieden, hier eine Ausbildung zu machen. 

Die Entscheidungen scheinen bei mir manchmal auf ersten Blick spontan. Was fang ich noch so mit meinem Leben an? Ach, ich könnte mal Yogalehrer werden. Aber sie sind es nicht. Yoga begleitet mich eigentlich mein ganzes Leben lang, allerdings völlig unprofessionell. Als Kind habe ich häufig mit meiner Mutter Yoga gemacht, nach einem Buch von Karen Zebroff. Dieses alte Buch mit den schwarz-weiß Fotos habe ich immer noch und es war mir stets eine gute Quelle. Ich habe mir immer gerne Übungsreihen zusammengestellt, als Jugendliche, im Studium. Nie konsequent, aber immer wieder. Schließlich habe ich einen Yogakurs bei der Volkshochschule besucht, damals noch völlig unwissend, dass es so etwas wie Yogastudios gibt (vielleicht gab es sie auch damals noch nicht?). Die Übungen waren gut, aber die Art war mir zu einschläfernd. Ich ging zwar entspannt, aber müde und nicht erfrischt aus diesen Kursen nach Hause. Nach vielen Jahren Jazztanz bin ich dann irgendwann beim Pilates gelandet. Ich war begeistert, das war eine Verbindung von Yoga und Tanz für mich. Wenn wir in einen Flow kamen, war ich glücklich. Aus dieser Stimmung heraus kaufte ich mir eine PoweryogaDVD und auch hier fand ich mich wieder. Die klassischen Asanas, die ich aus dem alten Buch kannte, wurden auf dynamische Weise zu einer Choreografie verbunden – ich spürte, das war meins. 

In der Elternzeit entstand die Idee, mit einer Freundin eine Ladenwerkstatt für Kinder zu gründen. Drucken, stempeln, basteln sollten die Schwerpunkte sein, aber auch Theater und Yoga. Schon da überlegte ich, eine Ausbildung zur Yogalehrerin zu machen, aber wir beschränkten uns erstmal auf zwei Wochenendseminare zum Kinderyoga. Diese Seminare waren eine völlig neue Erfahrung. Ich hatte viel Esotherik und wenig Humor erwartet – und fand das Gegenteil. Es war lustig, erfrischend und gleichzeitig irgendwie erleuchtend! Ich ging einfach gut gelaunt nach Hause. Da es mit dem Laden nicht funktionierte, machte ich meine ersten Kinderyoga-Erfahrungen an der Grundschule.  

Vor dem ersten Kurs mit den Kindern hatte ich Bammel. Zwölf Knirpse, deren Vorstellung von Yoga in Schneidersitz und Om (!) bestand. Das Fazit nach über zwei Jahren: Viele gute Yogastunden, manchmal waren die Kinder sehr unruhig, aber es gab auch Momente, wo sehr aktive, ja wibbelige Kinder, in einen Zustand der Ruhe gekommen sind, zehn, fünfzehn Minuten auf dem Rücken liegend verharren konnten, das war bereichernd zu sehen. Inzwischen habe ich einen guten Weg gefunden – vieles funktioniert über Rituale, klare Strukturen und: Musik!  

Aber meine Gedanken schweifen ab – ich sollte doch gerade im Hier und Jetzt sein …  Die Yogastunde nähert sich dem Ende. Ich bin mit verdammt schlechter Laune hier angekommen. Der Tag war blöd. Die Stunde schweißtreibend. Und ich – gehe glücklich raus. Entspannt, aber voller Energie. Ja, die Entscheidung steht fest. Ich mache die Yoga-Ausbildung!