Umkehr

Die Asana zum letzten Chakra, dem Kronenchakra, ist der Kopfstand und so war dieser Thema der letzten Stunde. Umkehrhaltungen sind kein einfaches Thema im Yoga und doch gehören sie dazu. Steht man einmal im Kopfstand und bekommt ein Gefühl dafür, ist es großartig, aber der Weg dahin nicht immer leicht.

Es war die zweite Stunde als Yogalehrerin, in der ich diese Asana unterrichtet habe und ich erinnerte mich während der Anleitungen an meine ersten Stunden kurz vor dem Beginn meiner Ausbildung ... ich hoffe sehr, dass meine Schüler sich nie nach einer Stunde so fühlen, aber es liegt nicht immer in der Hand des Lehrers, wie sich rückblickend zeigt. Manchmal sind es die Umstände oder wir selbst, die uns im Weg stehen ...

(August 2013)

Im Mai stand die Entscheidung zur Yoga-Ausbildung – und bis zu deren Beginn im Dezember wollte ich eigentlich gaaanz viel Yoga machen, fleißig "vorarbeiten" und möglichst schon Stunden in Düsseldorf sammeln ... tja, so der Plan. Bis zu den Sommerferien waren die Tage allerdings voll, dann wurde der Sommer heiß, danach kamen die Ferien in Frankreich ...

... und nun bin ich endlich wieder hier, im Yogastudio. Meine zukünftige Lehrerin erinnert sich schon mal nicht mehr an mich. OK, ich war ja auch nur einmal hier im Mai. Aber irgendwie … hatte ich bei ihr die gleiche gedankliche Beschäftigung mit mir erwartet wie umgekehrt, was natürlich Quatsch ist. Die Stunde wird nicht von ihr, sondern einer Trainee, kurz vor der Prüfung, gehalten. An dieser Stelle werde ich hoffentlich in einem Jahr auch stehen … Kursteilnehmer sind nur meine Lehrerin, eine weitere Auszubildende und ich. Keine Ahnung, warum, aber diese Stunde schafft mich. Zwischendurch muss ich langsamer machen, mein Herz schlägt bis zum Hals. Ich schwitze und fühle mich unwohl, es ist mir ehrlich gesagt peinlich. Ich komme mir vor wie der letzte Klops, der dann noch genialerweise die Idee hatte, Yogalehrer zu werden. Nach der Stunde wechsel ich höflich noch zwei, drei Sätze mit den anderen und schäme mich weiter für meinen knallroten Kopf, meine klatschnassen Haare und erinnere mich dabei an die Hilfestellung der Trainee bei meinem Schulterstand … Scheiße. Etwas anderes fällt mir gerade nicht ein. Aus dieser Stunde gehe ich nicht beschwingt, sondern völlig demotiviert. Na, das kann ja heiter werden ...

(Oktober 2013)

Ich raffe mich zu einem weiteren Versuch auf. Es hat ja keinen Zweck, ich habe diesen Weg gewählt und dafür teuer bezahlt, also muss ich jetzt auch da durch. Gedanklich plane ich schon einen Kalender, an dem ich die qualvollen Tage abstreichen kann. Immerhin bin ich bei dieser Stunde nicht ganz so alleine. Im Gegenteil, heute, am Feiertag, scheinen alle Yoga machen zu wollen. Wir wechseln in den neuen, größeren Raum, ich lege meine Matte schnell in die hinterste Ecke am Fenster und beschließe, die Stunde zu genießen. Das klappt auch ganz gut, bis wir Handstand üben sollen – zu zweit. 

Alle scheinen natürlich bereits mit Partner hier zu sein, für mich bleibt eine kleine, zarte, blonde Dame ... dass sie nicht schon einen Rückzieher macht, als ich auf sie zustampfe (natürlich stampfe ich nicht, aber so kommt es einem vor, wenn man sich als großer, kräfitger Mensch so einem Püppchen nähert und weiß, was kommt). Ich habe noch nie Handstand gemacht und natürlich kriege ich meine Beine nicht hoch. Meine Lehrerin muss helfen, hievt mich irgendwie in die Senkrechte, kein gutes Gefühl. Zum Glück ein kurzes – schnell wieder runter, ab in meine Ecke. Der Rest der Stunde verläuft OK, ich merke, dass ich zwar keinen Handstand kann, dafür aber biegsamer als meine Nachbarinnen bei den Vorbeugen bin (trotz Speckrolle dazwischen!). Ja, ja, man soll sich nicht vergleichen, Yoga ist kein Wettbewerb, aber das brauchte ich jetzt halt mal nach dem Disaster! 

Dann kommt der zweite Höhepunkt – der Kopfstand. Bei meiner ersten Yogastunde hier haben wir auch den Kopfstand geübt. Damals hatte ich verstanden, wir sollten uns ruhig mal abstoßen und die Beine wie im Spagat ausbalancieren, ein Gefühl bekommen. Das mache ich nun auch und kassiere gleich den nächsten Kommentar – "Nicht mit Schwung, das ist Ego. Das ist "Ich will unbedingt Kopfstand machen". Kein Yoga!". Der Satz ging gefühlt direkt an mich, toll. 

Dann endlich Shavasana. Frieden. Pustekuchen. Ich bekomme nicht den Nacken massiert – sind halt zuviele da, aber in dem Moment kann ich nur schwarz sehen. Ich denke, ich würde meinen Nacken auch nicht massieren wollen, so verschwitzt wie ich bin. Ich fühl mich wie eine Wurst. Wird das denn immer schlimmer? Ich husche schnell und unauffällig raus. Ich hab keine Lust mehr. Das kann doch echt nicht sein – wo ist dieses wunderbare Gefühl der ersten Stunde? 

Ich beschließe, alles positiv zu sehen. Ist Yoga nicht auch irgendwie hinnehmen, annehmen und verzeihen? Ich  gehe die Stunde nochmal in Gedanken durch, versuche, neutral zu urteilen und muss zugeben, dass meine Lehrerin einen sehr guten Unterricht macht – sie kann ja nichts dafür, dass ich mich nicht in den Handstand katapultieren kann (und ich habe auch nicht protestiert, als sie es tat). Ich beschließe, mich auf die Ausbildung zu freuen (was mir jetzt gerade schwerfällt, aber ich glaube an die Kraft des positiven Denkens ...). 

Ein paar Tage später bekomme ich eine liebe Mail von meiner Lehrerin. Alles ist wieder gut. 

Kann losgehen mit dem Yoga.