Die Anderen

Wenn man nicht gerade in einem Erdloch in Kanada lebt (...), kommt man unweigerlich mit anderen Menschen in Kontakt, vor allem, wenn man vor hat, eine Yoga-Ausbildung zu machen – da wird man wohl kaum alleine sein. Andere kennenzulernen kann häufig eine Bereicherung, manchmal vielleicht auch nervig oder in seltenen Fällen auch etwas fürs Leben sein. Generell habe ich kein Problem damit, auf andere zuzugehen, mich zu unterhalten, aufgeschlossen zu sein – aber mir war schon klar, dass zusammen Yoga machen doch einiges mehr bedeutet. Vielleicht nicht immer entscheiden zu können, was ich von mir zeigen will, sondern manchmal auch preisgeben müssen, das Innerste öffnen ... und sich zumindest über einen längeren Zeitraum irgendwie ausgeliefert sein.

Die Anderen bekommen so eine merkwürdige Aura, sind eine diffuse Masse, wie ein gepixeltes, unkenntliches Bild, solange man sie noch nicht kennt. In meiner Vorstellung sind sie meistens besser, schöner, klüger, können alles, haben keine Makel, und werden so noch vor dem ersten Kontakt zu Übermenschen. Je länger dieses Warten auf ein Treffen dauert, desto schlimmer werden die Vorurteile. Auch wenn mich die Erfahrung gelehrt hat, dass man eigentlich immer jemanden trifft, den man mag oder mit dem man es zumindest aushält – ich werde die bescheuerten Gedanken vor neuen Gruppen nicht los.

Und nun würde ich an diese Menschen in gewisser Weise ein Jahr gebunden sein, mich vielleicht manchmal schämen, vielleicht keinen finden, den ich wirklich mag, mich in einer Gruppe dennoch allein fühlen. Ich konzentrierte mich ganz auf das erste Ausbildungswochenende, doch plötzlich sollte es schon ein Vorab-Treffen der Düsseldorfer (die Ausbildung verteilte sich auf zwei Yogastudios in Düsseldorf und Dortmund) stattfinden ...

(November 2013)

Ich bin gerade überfordert. Noch vor dem ersten Wochenende soll es einen Workshop und ein Kennenlernen der Düsseldorfer Runde geben. Das kommt so plötzlich und ich weiß nicht, ob ich dazu jetzt bereit bin. Aber irgendwann muss es ja sein, also nun ... Per Mail-Austausch erfahre ich, dass eine Mitstreiterin aus Moers kommt, also in meiner Nähe wohnt. Wir verabreden uns unbekannterweise zur Fahrgemeinschaft und ich hole sie ab. Aufgeregt. Nervös. Irgendwie auf das Schlimmste gefasst.

Die Frau, die zu mir ins Auto steigt, macht direkt einen sehr netten Eindruck. Puh. Und schon nach wenigen Minuten stellt sich heraus, dass sie mit meiner Tante zusammen in derselben Klinik arbeitet!! Und das wir beide meine Tante total gern haben!!! Wir lachen uns kaputt und heulen auch ein bisschen – zum Glück scheinen wir beide dazu veranlagt ... Das kann doch nur gut gehen. Hoffe ich. 

Im Yogastudio lernen wir dann die anderen vier kennen. Keiner sieht total nach Oberkassel aus (sorry, aber als Ruhrpottkind hat man da so seine Vorurteile, wie sicher in die andere Richtung auch :) – das beruhigt mich auch schon mal. Wirkt eigentlich ziemlich OK, die Runde. Aber was kann man nach einer halben Stunde schon sagen. Beim anschließenden Workshop sind wir dann nur zu dritt dabei. 

Das Thema ist Jivamukti für Anfänger. Wir erarbeiten nochmal den Sonnengruß und einige Kriegerpositionen. Ich bekomme ein Lob von meiner Lehrerin und freu mich wie Bolle. Ja, ja, ja – und immer noch ist Yoga kein Wettbewerb. Aber jeder braucht halt doch auch mal Lob. Und ich jetzt leider gerade ganz viel. 

Die Stunde ist wirklich toll. Es ist inzwischen dunkel geworden, die Lehrerin hat Kerzen angezündet, ich bin erschöpft, aber nicht verschwitzt. Beim Shavasana habe ich das Gefühl zu fliegen. Ich fühle mich großartig. 

So darf es doch weitergehen ...