Der Grimm!

Während der Ausbildung kam irgendwann der Moment, wo es hieß: "Wer geht denn jetzt mal nach vorne und sagt einen Sonnengruß an?!" Meine Matten-Nachbarn sahen betreten zu Boden, keiner traute sich so richtig ... Mir machte das Ansagen nicht ganz soviel aus. Ich hatte schon meine Erfahrungen mit dem Kinderyoga und mir ist es noch nie schwergefallen, öffentlich zu sprechen (was nicht heißt, dass mein Herz nicht pocht, aber man merkt es mir halt selten an). Also ging ich mutig vorneweg und sah mich mit etwas konfrontiert, mit dem ich nicht gerechnet hatte: dem Grimm!

Vielleicht sehen so entspannte Gesichter aus (ich will gar nicht wissen, wie ich so dreinschaue beim Yoga), aber für mich als Lehrer da vorne, was das erstmal ein Schock! Ich dachte, OK, irgendwas machst du falsch. Oder du siehst blöd aus (hallo Selbstwertgefühl, da bist du wieder im Keller ...). Oder die finden dich alle sowieso doof und jetzt erst recht, weil du als erster "hier" geschrien hast ...

Danach gab es aber Applaus und alle guckten auch wieder freundlich, schien also doch nicht ganz so schlimm gewesen zu sein. Dann kam die erste richtige ganze lange Yogastunde und wieder – nur Grimm in den Gesichtern. Alle total ernst, fast verbissen. Nicht so einfach, sich durch die ganzen immer noch neuen Ansagen zu hangeln, den Flow nicht zu verlieren, die Zeit im Blick zu haben, wenn selbst die liebsten Yogakolleginnen böse gucken!

Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Es ist halt so und scheint tatsächlich entspannt zu sein ... wenn alle Muskeln mal Pause machen, kann man auch nicht lächeln. Das Schöne in meinen festen Kursen ist, das man sich nun ganz gut kennt und das Ganze doch mal durch ein paar Worte auflockern und den Grimm zumindest zeitweise vertreiben kann :) 

Einatmen, ausatmen, lächeln ...